Erfahrungsberichte

Erfahrungsberichte von Mentoren und Mentorinnen

Vorbemerkung

MentoringMainz hat ein offenes Konzept des Mentorings, das sich situationsspezifisch an den Bedürfnissen junger Flüchtlinge und an den Erfahrungen und Kenntnissen der Mentor*innen orientiert. Dadurch kann dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die jungen Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeitpunkten und mit ganz unterschiedlichen Fluchtgeschichten nach Deutschland gekommen sind. Hinter der Kategorie „Flüchtling“ oder der spezifischeren Kategorie „Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling“ steckt die ganze Verschiedenheit von Gesellschaften, Traditionen, Sozialen Schichten und Familienzusammenhängen. Diese Vielfalt erfordert zunächst keine Kategorisierung, sondern Offenheit und Neugier, im weiteren Verlauf Stetigkeit und Geduld.

Mentoring ist ein Konzept, in dem die Erfahrungen und Kenntnisse der engagierten Ehrenamtlichen im Vordergrund stehen. Während beispielsweise Mentoring in der Berufswelt sich auf die berufliche Förderung durch berufserfahrene Personen konzentriert, geht es bei der Begleitung von jungen Flüchtlingen um eine thematisch nicht eingegrenzte Tätigkeit. Sie kann als nachholende Sozialisation von Novizen in der deutschen Gesellschaft bezeichnet werden. Um diese möglich Breite etwas handhabbar zu machen, fokussieren sich die Tätigkeiten in der Regel auf die erfolgreiche Bewältigung von Bildungs- und Sprachanforderungen, auf den Zugang zu Ausbildung und Arbeit und dabei auf die Organisationen , die für die Integration junger Flüchtlinge relevant sind. Vor allem gehören dazu Verwaltungen und Institutionen, die über Chancen entscheiden.

In der persönlichen Ausformung dieser begleitenden Unterstützung ergeben sich viele Varianten. Deshalb sind die folgenden Berichte ganz unterschiedlich. Sie bilden auch nur einen Ausschnitt aus bestimmten Verlaufsformen der Integration; kein Fall bildet alles ab.

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Ich sehe G. weiterhin einmal die Woche zur schulischen Unterstützung und zum Austausch. Er entwickelt sich sehr positiv, die Deutschkenntnisse bessern sich zunehmend und im Kontakt wird er immer lockerer und fröhlicher.
Auch die Rückmeldungen über sein Praktikum verliefen sehr positiv. In der Schule sieht es so aus als ob er seinen Hauptschulabschluss tatsächlich bekommt und ich glaube, dass ihm das richtig Auftrieb gibt. Er bewirbt sich zur Zeit auf einen Ausbildungsplatz. Leider hat die Werkstatt, in der er das Praktikum absolviert hat und in der er dann auch seine Ausbildung machen wollte, ihren Ausbildungsplatz schon vergeben. Ihm wurde aber nahe gelegt, sich trotzdem unbedingt zu bewerben.
In dieser Situation werde ich meine Tätigkeit vor allem auf die Frage der Ausbildung konzentrieren und ihn bei der Suche unterstützen.

Ich bin immer noch gerne dabei, auch wenn ich aufgrund der noch bestehenden Berufstätigkeit mich zeitlich nicht so engagieren kann, wie ich gerne würde. Ich schreibe den Bericht in einer Zeit, da viel über die Mordfälle gesprochen wird, die von jungen Flüchtlingen verübt wurden. Da tauchen Probleme auf, die eine intensive Bearbeitung erforderlich machen. Aber umso wichtiger sind die allgemeinen Aktivitäten der Begleitung und der Betreuung. Deshalb finde ich unsere Arbeit auch so sinnvoll und bin froh wenigstens einen kleinen Beitrag zu leisten.

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Meinen Mentee aus W., um den sich auch die Lehrerin kümmert, konnten wir über eine Einstiegsqualifizierung bei einer Firma für Heizungsbau und Elektroinstallation vermitteln. Danach hat ihm die Firma sogar einen Ausbildungsvertrag angeboten, der auch abgeschlossen wurde. Nach wenigen Monaten hat der junge Mann jedoch leider die Ausbildung abgebrochen.

Gründe dafür gab es einige:
– Die Anforderungen in der Berufsschule waren sehr hoch und für ihn nicht zu bewältigen. 
– Die Unterbringung in der Flüchtlingsunterkunft in W. (dort leben noch 500 Menschen in einem Gebäude) bietet keine Rückzugsmöglichkeiten; an Nachtruhe ist nicht zu denken.
– Die meisten Bewohner gehen keiner Beschäftigung nach, sodass der junge Mann dort wohl auch sehr abgelenkt war und als Frühaufsteher aufgefallen ist.

Schließlich ist ein Umstand besonders bemerkenswert: Er wollte Geld verdienen, um der Mutter und den beiden jüngeren Brüdern in Afghanistan Geld zu schicken.
Inzwischen hat er eine Beschäftigung als Hilfskraft bei einer Logistikfirma und fühlt sich soweit wohl, denn er kann die kurzfristigen Ziele erreichen.
Das größte Problem stellt derzeit die Suche nach einer kleinen Wohnung dar, die er dann mit seinem jüngeren Bruder, der den gleichen Weg genommen hat, bewohnen könnte.

Die Stadt W. verlangt gegenwärtig von den beiden jungen Flüchtlingen, die zusammen mit einem weiteren Mann in einem Dreibettzimmer wohnen, pro Kopf weit mehr als 300€ monatlich, was schlicht und einfach den guten Sitten widerspricht. Ich bleibe im Kontakt.

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A. begleite ich jetzt schon seit drei Jahren, aber er macht mir immer noch Sorgen. Denn es geht mit ihm nicht so recht weiter. Er hat nach einem sehr bescheidenen Halbjahreszeugnis die Gesamtschule verlassen und hat mir dies auch einige Zeit lang, offensichtlich war ihm das sehr peinlich, nicht berichtet. Die Gründe für das schlechte Zeugnis waren unendlich viele Fehltage und wohl wenig Unterstützung durch die dortigen Lehrer. A. hatte keine Vorstellung von den Anforderungen in einer gymnasialen Oberstufe. Vorher war er ja an einer privaten Schule, die 2015 auch syrische Schüler aufgenommen hatte, sehr gut gefördert worden. Dies erwartete er offensichtlich auch in der Oberstufe der Gesamtschule. Auch die kurzfristig angebotene Nachhilfe war für ihn nicht das Richtige, denn diese war nur aufwendig zu erreichen; auch hat ihm seine Familie viel Unterstützung abverlangt. Der Stundenplan von A. ist zwar sehr umfangreich und der Unterricht geht an manchen Tagen bis in den späten Nachmittag, doch scheinen noch andere Hemmnisse zu bestehen.
Seine Mutter ist alleinerziehend und hat für vier jüngere Kinder zu sorgen und die familiären Probleme zu lösen ist dann seine Sache.
Nach mehrfachen Anfragen bei der Agentur für Arbeit hat er erst sehr spät einen Termin zur Berufsberatung bekommen. Die Beratung braucht er dringend, zumal er sich mit seinem letzten Zeugnis bei keinem Ausbildungsbetrieb bewerben könnte. Auch muss er sich selbst erst einmal darüber im Klaren sein, was er beruflich anfangen möchte. Ich vermute, er braucht ein Praktikum oder eine Qualifizierungsmaßnahme, um sich über seine beruflichen Möglichkeiten und Grenzen klar werden zu können.

Inzwischen wurde A. von der Agentur für Arbeit zu einer Maßnahme zur beruflichen Orientierung „verdonnert“, zumindest empfindet er es so. Monatelang hat die Agentur nichts unternommen und A. dann ohne jegliche Vorbereitung tatsächlich von einem auf den anderen Tag direkt in eine Maßnahme geschickt; da fehlte jegliches Einfühlungsvermögen. Das war für ein denkbar ungünstiger Start, zumal A. gerade zehn Tage zuvor mehr als zehn Bewerbungen für Praktika zum Hotel- bzw. Restaurantfachmann verschickt hatte. Ich hätte mir gewünscht, er hätte bei den jeweiligen Betrieben nachfragen und so die Erfahrung machen können, dass sich eigene Aktivitäten lohnen. Auch ist es dabei wichtig, die Schwierigkeiten der Praktikumssuche konkret zu erleben. So wurde die Verantwortung aber abgegeben.

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Der jungen Familie mit dem vierjährigen Kind, die ich betreue, geht es ausgezeichnet. Sie verfügt, nach einem Umzug von einer schlecht ausgestatteten Wohnung in eine Dreizimmerwohnung, nun auch über ein Kinderzimmer. Der Vierjährige besucht seit September 2017 eine Ganztagseinrichtung, sodass beide Eltern den B1 – Integrationskurs erfolgreich abschließen konnten.

Inzwischen konnten wir (bei diesen Aktivitäten unterstützt mich mein Mann) den jungen Vater in eine gut bezahlte Beschäftigung in den von ihm in Syrien ausgeübten Beruf (obwohl er keine Nachweise vorlegen konnte) vermitteln, sodass die Familie den Lebensunterhalt ohne staatliche Unterstützung bestreiten kann. Bei dieser Familie kann ich einen unbedingten Integrationswillen feststellen; die Eltern nehmen die Verantwortung für ihr Kind ernst und bemühen sich energisch darum, ohne staatliche Unterstützung auszukommen. Sie lernen intensiv Deutsch und kümmern sich um ihre Angelegenheiten. Allerdings muss man festhalten, dass ohne unsere Unterstützung und unsere persönlichen Kontakte weder eine Wohnung in dieser Zeit zu erhalten möglich gewesen wäre. Auch der Zugang zur Berufstätigkeit in einem passenden Betrieb verdankt sich unserer sozialen Vernetzung. Leider erschwert die politische und öffentliche Stimmung den Zugang zu Wohnung und Arbeit für die Flüchtlinge.

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A., 18 Jahre, stammt aus Afghanistan und lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft. Er musste die Wohngruppe der Jugendhilfe verlassen – aber trotzdem ein netter Mensch, der fleißig lernt. Der Kontakt mit A. ist es ein langsames Herantasten gewesen. Sehr konstruktiv empfand ich die Zusammenarbeit mit seinen beiden Betreuerinnen aus der Jugendhilfe. A. habe ich immer als einen sympathischen, freundlichen Menschen wahrgenommen, für sein Alter eher kindlich und er erschien mir wenig belastbar in einer zerbrechlichen Balance zwischen reaktivem Zorn und Apathie. Seine Offenheit machte vieles möglich, so dass ich angeregt war, mir Gedanken um gemeinsame Aktivitäten zu machen. Als das Wichtigste habe ich nach kurzer Zeit die Wiederaufnahme einer Therapie erkannt. Frühere Therapiestunden waren nach Einschätzung der Jugendhilfe sehr gut für ihn, jedoch steht er aufgrund unglücklicher Umstände erst auf der Warteliste für einen neuen Therapieplatz. Er wirkte auf mich meist kraftlos, antriebsarm und er hat keine Energie etwas für die Verbesserung seiner Sprachkenntnisse zu tun.
Noch dringlicher ist allerdings die Wohnungssuche. Er kann es in der Gemeinschaftsunterkunft nicht mehr aushalten, denn seine Zimmernachbarn trinken in der Nacht bis zum frühen Morgen und er kommt nicht zur Ruhe. A. ist ziemlich fertig und hat keine Geduld mehr. Die Wohnsituation scheint zu eskalieren. Deshalb versuche ich mit vielen Telefonanrufen eine Wohnung zu finden. Die Unterstützung durch die Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe und wohl auch mein Interesse stabilisieren ihn und ermöglichen einen vorläufigen Verbleib in der Gemeinschaftsunterkunft.

A. zeigt gelegentlich Interesse – ich treffe mich entsprechend sporadisch mit ihm. Mein Eindruck aber ist, dass A. einen Mann als Mentor an seiner Seite haben sollte. (Das wurde nach einiger Zeit auch möglich und hat A. erheblich stabilisiert).
Nach einer Phase des Auseinanderlebens hat die Mentorin wieder Kontakt zu A. aufgebaut:  Letzte Woche fragte ich A. per SMS, wie es ihm gehe. Daraufhin traf ich ihn am Freitag in seiner Schule. Es war wie bei den vorherigen Treffen: Er hat großen Redebedarf, Interesse an genauerem Verstehen, Üben, Lesen etc nicht. Er immunisiert seine Vorstellungen von Realität; stimmungsmäßig ging es ihm aber gut.

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H. wird im Sommer ihren Hauptschulabschluss machen und danach voraussichtlich an die X.Schule wechseln; dies wurde von ihrer Lehrerin initiiert. Sie möchte gerne zum jetzigen Zeitpunkt zusätzlich Englisch lernen. Ihre Betreuerin im Jobcenter will sich darum kümmern (nachdem sie dies zunächst ablehnte und H. sie wohl mit Hartnäckigkeit überzeugte!) Wo gibt es ein entsprechendes Angebot, wenn es mit dem Jobcenter nicht klappt?

Was das Wohnen betrifft, haben wir gestern auf eine Chiffre geantwortet, ansonsten steht die Familie auf der Warteliste bei ein neues zuhause (einer Initiative zur Wohnungsvermittlung für Flüchtlinge) Die Familie wohnt mit sechs Personen in einem Zimmer.

Was bleibt ist das konkrete Tun und das empfinde ich in den Kontakten mit H. als sehr konstruktiv. Sie ist nach wie vor sehr interessiert, offen – trotz ihrer für mich manchmal schwer nachvollziehbaren Gebundenheit an das, was ihrer Aussage nach im Koran steht –, selbstbewusst und zielstrebig. Ich beschränke mich auf den Kontakt mit ihr, spreche aber auch oft mit ihr über Eltern und Geschwister und gebe ihr immer wieder Informationen, die für ihre Eltern und Geschwister nützlich sein könnten (z.B. Infos bei der Verbraucherberatung, Berufsinfotag bei Schott oder Werner und Merz, Jugendzentrum Gonsenheim, Sportvereine etc.).
Laut H. hat die Familie in Kürze eine Wohnung in Aussicht. Auch hier werde ich sie über Möglichkeiten informieren (Umzug, Möbel, Mietvertrag etc.). 

Auf ihren Wunsch hin treffen wir uns in der Regel jedes Wochenende in der Stadt. An Gesprächsthemen mangelte es bisher nie. Manchmal kann ich sie in Schulfragen unterstützen. Es standen jetzt Themen wie Praktikum in den Ferien, Englischkurs, Vorstellungsgespräche üben, Lernen am PC an. Meine Initiativen liefen jedoch – für mich überraschend – ins Leere, da mit dem Ramadan scheinbar alles ( (außer Schulbesuch?) Pause hat.

Mir selbst wird immer wieder bewusst, aus welch fundamental unterschiedlichen Welten wir kommen, was oft in banalen zwischenmenschlichen Situationen offenkundig wird. Ich empfinde den Kontakt als spannend, bereichernd und oft lehrreich.

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H. lebt in der Wohngruppe der Jugendhilfe im Stadtteil M. Ich bin mit ihm und seiner Betreuerin in sehr gutem Kontakt. Aktuell besprechen wir mit ihm und der Arbeitsagentur, wie es ab Sommer für ihn weitergeht. Die Schule endet und er sollte eine Ausbildung machen. Entschuldigen Sie bitte diesen kurzen Bericht, ich bin zur Zeit beruflich sehr stark beansprucht. Die Jugendhilfeorganisation plant gerade für meinen Schützling intensive Nachhilfe in Deutsch; jedoch soll auch Mathematik dazukommen. Ab Sommer soll er bei der Baufirma K. eine Einstiegsqualifikation machen. Der neueste Stand ist:

Auch bei mir ist es so, dass es immer mal wieder Pausen gibt. M. hat in seiner Einrichtung nicht nur tolle Zeiten. Ich bin mit der Betreuung seitens der Jugendhilfeorganisation nicht wirklich zufrieden. M. hat jetzt aber einen Vertrag für die Einstiegsqualifizierung zum Maurer bei der renommierten Firma K. tatsächlich erhalten. Ab Sommer geht es los. Bis dahin ist eher Leerlauf; es gibt nur Nachhilfe Deutsch und etwas Mathematik. 

Ich habe mittlerweile mit M. verabredet, dass er sich meldet, wenn er sich treffen will. Zwischenzeitlich hatte ich ihn etwas zu viel zu gemeinsamen Besprechungen gedrängt. 

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Am Anfang habe ich meine Mentee in einer sehr netten Mädchengruppe besucht. Ich habe eine Mentee, die mich auch gerne für sich beansprucht. Wie die anderen wünscht sie sich Deutsch üben, dem komme ich gerne nach. In der Wohngruppe versuche ich auch ein paar Ideen anzubringen, bspw. Räder reparieren und Radfahren üben. B.s Wunsch nach einer Wohnung ist stärker denn je. Sie hat sich die letzten Monate, inzwischen 19 Jahre alt, sehr im Deutsch lernen bemüht, versteht aber nicht, dass das weiter gehen muss und nicht ausreicht.

Mit dem was sie sprechen kann, schildert sie folgende Problemfelder:
      –  Sie war in der Vergangenheit viel mit Problemlösen, Ziel setzen und Ziel verfolgen beschäftigt. Die ganze Zeit grübelt sie, was sie machen kann.
       –  Sie war während der Jahre der Flucht sehr selbständig und hat alles irgendwie hingekriegt, daher ihr Wunsch nach Eigenständigkeit, vielleicht auch das mangelnde Verständnis für das konsequente Weiterlernen.
       – Schuldgefühle gegenüber ihrer Mutter und Trennungsschmerz und ständiges Nachdenken darüber, was ihre Mutter ihr raten würde; beispielsweise dass es ist nicht tugendhaft sei, nur an sich zu denken. Aber sie müsse es eben.

Alles im allen glaube ich, dass der Wunsch nach einer eigenen Wohnung ein Symptom ist. Eigentlich will sie ein Vorankommen spüren und wird in ihrer Geduld erprobt. Ich muntere sie auf, ermutige sie, vergleiche mit meinen eigenen Jugendgefühlen.
B. wohnt jetzt in einer Wohngruppe für Frauen. Sie hält weiter an ihrem Wunsch nach einer Einzimmerwohnung fest. Die Betreuerin dort scheint schon mehr inhaltliche Betreuung anzubieten, solche Absichten zu unterstützen. Die neue Betreuerin hat B.’s Wunsch nach einer eigenen Wohnung umgesetzt. Diese ist möbliert, ein Sofa und einen Ofen braucht sie noch.
Am Lernen der Sprache dran zu bleiben ist weiterhin eine große Herausforderung. Sie meint, sie lernt eine Stunde am Tag (was ich weniger glaube). Wegen des Heimwehs und der Schuldgefühle gegenüber der Mutter versuche ich, ihr ein erweitertes Verständnis von Familie zu vermitteln. Ihre ethnische Gemeinde ist hier ihre Familie. Und sie ergänzt „und Du“ – finde ich sehr rührend. Sie hat ein gutes Herz und hält trotz aller Schminkerei daran fest, nichts mit Männern erstmal anfangen zu wollen.

Das Berufsziel nach Erreichen des Sprachniveaus B1 bleibt erstmal Friseurin. Vielleicht kann ich ihren Ehrgeiz für Krankenschwester doch noch wecken. Ich glaube, ihr begegnet schon viel Rassismus hier in X., der sie sich klein fühlen lässt.

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Anfrage aus dem Jugendamt: Ich bin Ansprechpartner eines 17jährigen Jugendlichen aus Afghanistan. Er ist ein sehr höflicher freundlicher junger Mann, der schon sehr gut Deutsch spricht. Er hat für das kommende Schuljahr einen Schulplatz erhalten und somit die Chance, den Hauptschulabschluss zu erreichen. Der Jugendliche selbst hat nun nachgefragt, ob wir ihm jemanden vermitteln können, der ihn im kommenden Schuljahr begleiten und etwa einmal in der Woche mit ihm den Unterrichtsstoff wiederholen kann. Wir würden ihn sehr gerne in seinem Vorhaben unterstützen, da er sehr fleißig und sein Verhalten vorbildlich ist.

Inzwischen habe ich mich bereits dreimal mit R. getroffen. Sein respektvoller Umgang mir, aber auch allen Betreuern gegenüber, ist bemerkenswert. Es sind oft die Kleinigkeiten, die auffallen. In einem geschlossenen Raum zieht er seine Mütze ab, er schenkt erst den anderen und dann sich selbst Wasser ein und hält jedem beim Verlassen eines Raumes die Türe auf. R. geht es gut, ich habe ihn zuletzt vor 3 Wochen gesehen, wir schreiben allerdings regelmäßig und haben uns auch schon für die Ferien ein paar Ausflugsziele vorgenommen. Wenn er Hilfe benötigt, nimmt er Kontakt auf. Da ich beruflich auch eingespannt bin, gestalten wir die Treffen flexibel. Nach Abschluss der Schule wird er in M.M. eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker beginnen, um seine Zukunft selbst gestalten zu können. Er ist hochmotiviert eine Ausbildung abzuschließen. Als Ausgleich zur Schule übt R. viel Sport aus, das lenke ihn ab und gebe ihm Kraft und Bestätigung. Wir hoffen beide, dass er in seiner Ausbildung sprachlich zurechtkommen wird.