Das Mentoring

Was wird unter Mentoring verstanden? In welcher Struktur findet es statt? Welche Erfahrungen gibt es?

Konzeptionelle Überlegungen zum Mentoring:

„Mentoring, auch Mentorat, bezeichnet als ein Personalentwicklungsinstrument – insbesondere in Unternehmen, aber auch beim Wissenstransfer in persönlichen Beziehungen – die Tätigkeit einer erfahrenen Person (Mentor). Sie gibt ihr fachliches Wissen oder ihr Erfahrungswissen an eine noch unerfahrenere Person (Mentee oder Protegé) weiter. Ein Ziel ist es dabei, den oder die Mentee bei persönlichen oder beruflichen Entwicklungen zu unterstützen. Bereiche, die in Mentoring-Beziehungen thematisiert werden, reichen von Ausbildung, Karriere und Freizeit bis hin zur Persönlichkeitsentwicklung, Glauben und Spiritualität.

Allgemein bezeichnet das Wort Mentor (weiblich: Mentorin) die Rolle eines Ratgebers oder eines erfahrenen Beraters, der mit seiner Erfahrung und seinem Wissen die Entwicklung von Mentees fördert. Die Bezeichnung geht auf eine Figur der griechischen Mythologie zurück: Ein Freund des Odysseus namens Mentor war der Erzieher von Odysseus’ Sohn Telemach.“ (Wikipedia)

Die Definition kommt hauptsächlich aus dem Bereich der Wirtschaft und beschreibt Unterstützung in modernen Institutionen durch Weitergabe von Wissen in einer bestimmten Haltung zum Zwecke einer strategischen Zielerreichung.

Begrifflich kann man M. absetzen von Coaching, für das eine spezielle Ausbildung zur intensiveren persönlichen Unterstützung in einer komplexen Handlungssituation erforderlich ist.

Ebenso kann man M. unterscheiden von Patenschaft, die eine vertrauliche persönliche Beziehung darstellt und ganz unterschiedliche Formen von der hypothetischen Unterstützung in potentiellen Fällen bis hin zum familiären Betreuungsverhältnis umfasst. Patenschaft gehört eher zur Sozialform der Vergemeinschaftung und zielt auf Sicherheit, auch in emotionaler Hinsicht.

  1. dagegen ist eine Form der Vergesellschaftung in Rollenbeziehungen; es bleibt Distanz bei gleichzeitigem Wohlwollen und zielt auf Sicherheit in Orientierungsproblemen moderner Gesellschaften.

Mit sozialpädagogischen Arbeitsbeziehungen teilt M. das Interesse an der Entwicklung des Mentees um seiner selbst willen bei gleichzeitigem Bezug auf das Interesse der Gesellschaft. Es konzentriert sich auf die Weitergabe von Wissen, während Sozialpädagogik auch erzieherisch – einflussnehmend tätig wird. Es wird auch weniger als in der Sozialpädagogik ein zu bearbeitender Konflikt angenommen als vielmehr die Handlungsmächtigkeit des Mentee.

Das Besondere des M. mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen könnte jetzt so beschrieben werden:

Eine erwachsene Person, die über Erfahrungswissen über die Funktionsweisen moderner Gesellschaften im Allgemeinen und Wissen über die Mechanismen in den für den UMF wichtigen Lebensbereichen verfügt, unterstützt den UMF beim Prozess des Hineinwachsens in die Gesellschaft mit dem Ziel, seine Autonomie und Handlungsfähigkeit zu stärken. Sie gibt wesentlich ihr Wissen weiter bei Fragen des Mentees und in Situationen, die dieses Wissen nach Auffassung des Mentors bzw. der Mentorin erfordern. Diese Tätigkeit ist von Wohlwollen gegenüber dem Mentee getragen, so dass der Mentee sich ermutigt fühlen kann. Das M. schließt auch praktische Hilfen in konkreten Situationen ein. Durch die Fragen des Mentees befasst sich der Mentor/die Mentorin auch mit bisher nicht bekannten Themen und Bereichen der Gesellschaft und bildet sich dadurch weiter.

Das Spezifikum des M. mit UMF besteht darin, dass es in einem relevanten Beziehungsnetzwerk erfolgt. Zum einen ist die Beziehung zur Wohngruppe des UMF und deren Betreuer*innen relevant. Aktivitäten des Mentors werden grundsätzlich mit der Wohngruppe abgesprochen. Zum anderen ist die Beziehung zum Vormund, in diesem Fall dem Jugendamt, von Bedeutung. Das Jugendamt ist über das Mentoring informiert und unterstützt das Mentoring. Diese Unterstützung ermöglicht dem Mentor ein Tätigwerden in den Institutionen, die für den Mentee von Bedeutung sind. Der Mentor nimmt, nach Absprache mit den anderen Beteiligten und mit Zustimmung des Mentees, an den Hilfeplangesprächen teil. Der Mentor ist schließlich Teil des Mentoringnetzwerkes im Kinderschutzbund Mainz und nimmt regelmäßig an dessen Veranstaltungen, insbesondere an solchen zum Erfahrungsaustausch teil.

In diesem Netzwerk entstehen natürlich auch Konflikte und Unterschiede in der Beurteilung von Situationen. Die Jugendhilfe mit ihren rechtlichen Grundlagen im SGB VIII ist ein Rahmen, in dem sich auch das Mentoring bewegt. Der Vormund im Jugendamt ist der uneingeschränkte Vertreter der Interessen des Mentees. Die Leistungsabteilung des Jugendamts dagegen entscheidet darüber, welche Leistungen dem Jugendlichen konkret zustehen. Zur Erbringung der Leistung bedient sich das Jugendamt der privaten und gemeinnützigen Träger der Jugendhilfe. Diese bringen die Jugendlichen unter und besorgen alles, was die Jugendlichen brauchen. Der Mentor/die Mentorin ist gegenüber diesen drei institutionellen Akteuren frei und setzt sich für die Entwicklung des Jugendlichen ein. Sie/er kann ihre/seine Wünsche gegenüber allen drei Akteuren vortragen. Auch die übrigen Leistungserbringer können in den Blick kommen.

Dabei können im Alltag klärungsbedürftige Situationen entstehen. So kann ein/e Mentor*in der Meinung sein, dass die Unterbringung in der Wohngruppe nicht günstig ist, weil beispielsweise die Ruhe zum Lernen fehlt. Oder es wird deutlich, dass der Deutschkurs nicht gut verläuft und Konflikte dort nicht geregelt werden. Oder aber der Mentee kommt unzureichend den Anforderungen nach, die er eingegangen ist – zum Beispiel die regelmäßige und pünktliche Teilnahme am Deutschkurs. Oder die Betreuer der Wohngruppe haben eine andere Einschätzung als der Mentor zur beruflichen Perspektive des Jugendlichen. Oder Gelegenheiten zu deutschsprachigen Kontakten bestehen zu wenig, so dass das „Sprachbad“ fehlt. Oder die Selbsteinschätzung des Jugendlichen, beispielsweise zu seinen beruflichen Chancen, differiert zu der Einschätzung des Mentors. Oder es gibt eine Entscheidung des Vormunds, die zu besprechen ist. Oder die Leistungsabteilung des Jugendamts schränkt eine Leistung ein, die nach Auffassung der Mentorin/des Mentors nötig ist.

Der Alltag besteht häufig aus solchen Differenzen, die in der Regel im Gespräch bearbeitet werden. Es gibt dazu – auch in der Regel – keine Lösungsvorgabe. Es gibt nur allgemeine Regeln, wie diese Situationen bearbeitet werden können. Schon die Thematisierung einer Frage sollte im Einvernehmen geschehen. Niemand verfügt vorab über die richtige Lösung. Es werden nicht alle Probleme gleichzeitig angesprochen. Die Thematisierung von belastenden Fragen geschieht behutsam, orientiert an der wahrgenommenen Belastbarkeit des Jugendlichen. Die Erfahrungen des Mentors/der Mentorin sind Material, nicht Wahrheit für die Problemlösungen. Freundlichkeit und Zuwendung als Haltung bildet den Rahmen der Kommunikation. Ernsthaftigkeit in der Vertretung von allgemeinen Anforderungen moderner Gesellschaften an Jugendliche kommt hinzu. Reflexion darüber, ob die Mentorentätigkeit die Autonomie des Jugendlichen steigert, gehört zu dieser Tätigkeit immer dazu.

Nach den Erfahrungen eines Jahres im MentoringMainz kann man sagen, dass Konflikte sehr selten sind und das Mentoring von einer guten Zusammenarbeit mit allen Akteuren gekennzeichnet ist.

Franz Hamburger